Wenn für Erinnerungen kein Platz mehr ist

Archivarin Menna Hensmann bewahrt im Stadtarchiv Leer Geschichte.
Was passiert, wenn das Erbe von rund 35.000 Einwohnern verschwindet?


Von Nico Lindner
Fotografin: Paulina Schröder

 

In der Stadt Leer gibt es kein Archiv mehr.

Aus den Regalen im Keller sind alle Bücher verschwunden, die die Schaffenskraft der Menschen im Original bezeugen. Kartons, benutzt, um Papier vor Feuchtigkeit und Licht zu schützen, sind leer. Festplatten, die Dokumente und Fotos beherbergen, zerkleinert. Mikrofilme, auf denen sich Abbildungen von Zeitungsauschnitten oder anderen längst zerfallenen historischen Unterlagen befinden, fehlen ebenfalls. Das gilt auch für Unterlagen, die zeigen, wer wo wann in Leer auf die Welt kam, heiratete oder auch verstarb. Sie sind weg.

Die Stadt Leer ohne ihr Archiv, ohne Erinnerungen. Was bliebe von einem Ort, in dem sich die Menschen nicht erinnern können? Die Geschichte wäre ausgelöscht.

Gut, dass diese Vorstellung nur erdacht ist. Menna Hensmann würde sie schmerzen. Auch, weil der Leiterin des Stadtarchivs dann Details fehlen würden, um jemanden auf den richtigen Weg zu führen.

Stadtarchivarin Menna Hensmann bewahrt Geschichte

„Menschen, die auf uns zukommen, sind die persönliche Geschichte und ihre Wurzeln in der Regel wichtig.“ – Menna Hensmann, Stadtarchiv Leer.

Torwächterin und Detektivin

„Vor nicht allzu langer Zeit standen Nachfahren ostfriesischer USA-Auswanderer vor mir“, erinnert sich die aus Critzum im ostfriesischen Rheiderland stammende Frau mit einem Lächeln. Denn: „Daten und bloße Ortsangaben zu längst verstorbenen Verwandten haben ihnen nicht gereicht.“ Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wo und wie ihre Ahnen den Lebensunterhalt verdienten. Steht das Haus noch, in dem ihr Lebensalltag stattfand?

„Menschen, die auf uns zukommen, sind die persönliche Geschichte und ihre Wurzeln in der Regel wichtig.“ Sie leben nicht nur im Hier und Jetzt. Menna Hensmann: „Familie stellt für sie einen wertvollen, wenn nicht sogar den kostbarsten Inhalt ihres Lebens dar.“ Weil sie Begriffe wie Sicherheit und Beständigkeit eng mit dem Wort Familie verbinden.

„Menschen, die ihrer eigenen Geschichte nachspüren wollen, sollen nicht vor den falschen Häusern unserer Stadt stehen.“ Die Archivarin will mit ihnen herausfinden, wo ihre Ahnen wirklich gelebt haben und wo ihre Wurzeln sind.

 

Die Zeit vergessen

Die Regale im Leeraner Stadtarchiv sind mit Aufzeichnungen gefüllt. Mehrere klimatisierte Räume tragen alleine Hunderte von Büchern. Sie halten Wissen zur Stadt und Region fest. Viele der Verfasser sind bereits lange tot. In den Rollregalen im Archivraum unter dem Neuen Rathaus gibt es beispielsweise Kartons mit Briefen aus Leer, in denen das Französische gepflegt wird. Ab 1806 stand die Stadt erst unter niederländischer, dann unter französischer Verwaltung.

Menna Hensmann öffnet einen der Kartons, doppelt so groß wie ein Schuhkarton. Sie legt den Inhalt vorsichtig auf einen Tisch in der Nähe des Regals. Und beginnt zu blättern. Die Luft hier unten ist kühl und trocken. Papier liebt diese Umgebung. Wenn zusätzlich Sonnenlicht ausgesperrt wird, wird der Zerfallsprozess noch mehr verlangsamt. Die Archivarin streicht über den Einband des Folianten und klappt das Werk dann mit Bedacht auf. Sie beginnt zu lesen, zu entziffern, wiederzuerkennen, einzuordnen, zu sortieren, taucht ein. In die Sprache einer vergangenen Zeit, Worten, die im Vergleich zu heute holprig und gestelzt wirken. Wiedersehen macht trotzdem Freude: „Dieses Exemplar habe ich lange nicht in den Händen gehabt und dann aus den Augen verloren.“ Ihre Augen strahlen. Dann heißt es wieder: Zurück in die Gegenwart. Menna Hensmann klappt den Buchdeckel bedächtig zu und lässt den massiven Block aus Papier zurück in den Karton gleiten. Sekunden später ist das Tageslicht ausgeschlossen, der Karton wieder geschlossen.

Was kann ich aufheben und für wie lange?

Das Leeraner Stadtarchiv ist in das Nebengebäude ausgewichen, als der Raum nicht mehr ausgereicht hat. Die Möbelzeit ist in den 80er Jahren stehengeblieben. Zwei klobige Mikrofilmlesegeräte zählen zusätzlich zum Inventar. Wurden sie hier abgestellt, weil woanders kein Platz mehr war? Oder weil sie niemand mehr benutzen kann?

Blick in das Archiv der Stadt Leer

Papier ist nicht gleich Papier: Je nach Jahrzehnt unterscheidet sich die Qualität und Haltbarkeit erheblich.

Der Blick von Menna Hensmann bleibt an den beiden Lesegeräten hängen: „Diese Projektoren führen vor Augen, welchen Herausforderungen wir uns als Archivare stellen müssen.“ Sie mögen vielleicht helfen, Zeitungen aus den 30er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zumindest in Kopie zu erhalten. Das Papier, auf dem sie im Original gedruckt wurden, zerfällt nämlich beim Umblättern – so minderwertig ist die Qualität. Mikrofilme überdauern dagegen bis zu hundert Jahre.

Die Zeitspurensucherin zuckt mit den Schultern: „Wem aber nützt das, wenn die Lesegeräte für diese Filme nicht mehr existieren, weil sie nicht mehr hergestellt werden und eines nach dem anderen ausfällt?“ Oder die technischen Schnittstellen verschwinden? Das schmerzt Menna Hensmann, deren Vorname über mehrere Generationen weitergegeben wurde. Die Ostfriesin mit den Lachfalten im Gesicht, der sonoren Stimme und der Brille, deren Sitz beständig korrigiert werden muss, läuft mit der Zeit um die Wette. Fortschritt ist Verbündeter und Feind zugleich.

Datenträger wie CDs und DVDs sind nur eine kurzfristige Lösung, da sie im Laufe der Zeit ihre Inhalte verlieren: Alle vier Jahre müssen sie kopiert werden, soll das Archivierte nicht unwiederbringlich verloren gehen. Parallel stellen die Datenmengen, die alleine in einer Stadtverwaltung wie der von Leer anfallen, das Archiv vor eine weitere Herausforderung.

Was soll wirklich aufbewahrt werden? Was ist erhaltenswert, was nicht?

Auf Papier gedruckte Inhalte machen den Aufwand wenigstens anschaulich. Bei Tausenden von Informationsdetails, festgehalten auf einer Festplatte oder in einer Datenbank, fehlt das Greifbare.

Kriegsgefangenen-Tagebücher des Emil Hielscher Stadtarchiv Leer

Wenn Geschichte ein Gesicht bekommt: Die Kriegsgefangenen-Tagebücher von Emil Hielscher sind ein Zeugnis aus der Zeit des 1. Weltkriegs.

Eine Enttäuschung und ein Lichtblick

Erinnerungen im Verfall? Keine Zeit zu bewahren?

Menna Hensmann hebt beschwichtigend die Hände: „Schöne Momente gibt es regelmäßig.“ Wie an jenem Tag, an dem sie die Hintergründe eines Familienfotos beleuchten wollte. Ein Bürger hatte das Bild zu ihr gebracht: „Er kam mit der Frage zu mir, wo das Studio beheimatet war, in dem das Bild seiner vermeintlichen Urururgroßeltern geschossen wurde.“

Menna Hensmann stellt schließlich fest, dass auf dem Foto gar nicht die besagten Ahnen zu sehen sein können: „Ich habe zwar herausgefunden, dass die Geschichte der Fotografie in Leer bereits 1860 begann – knapp 40 Jahre früher, als bislang angenommen.“ Das auf der Rückseite des Fotos bezeichnete Studio wurde aber erst nach dem Tode der vermeintlich abgebildeten verwandten Personen eröffnet.

Ein Durchbruch. Möglich, weil archivierte Unterlagen die für diese Erkenntnis wichtigen Infos enthielten: „Solche Momente sind für einen Archivar besonders interessant.“

Zeitgeist greifbar machen, ungeschönt menschliche Schicksale zeigen, etwa die Folgen des NS-Regimes für die Juden in Leer – das sind Teile der Missionen, die sich Menna Hensmann auferlegt hat. Als eine der der wenigen in Niedersachsen existierenden Archivpädagogen führt sie Schülern vor Augen, dass auch die NS-Geschichte ganz nah mit deren Heimat verbunden war. Sie gibt Opfern der Nationalsozialisten ein Gesicht. Schüler gehen auf Spurensuche – im Stadtarchiv, vor ehemaligen Häusern von Verfolgten, in Aufzeichnungen der Kirchen und Vereine.

Menna Hensmann Stadtarchiv Leer

Menna Hensmann liebt und ehrt ihre Arbeit: “Eine Stadt ist auch das, was sie durch ihre Geschichte geworden ist.”

Gefangen in der Gegenwart

Was wäre eine Stadt ohne dieses Wissen, ohne ein Archiv? Menna Hensmann macht den Vergleich: „Was bleibt von einem Menschen, der seine Erinnerungen verliert? Er würde nur noch im Hier und Jetzt leben und wäre hilflos.“

Eine Stadt sei auch das, was sie durch ihre Geschichte geworden ist.

Bewahrt ein Ort nicht mehr seine Erinnerungen auf, verschwindet seine Identität. Damit gehen auch alle Erfahrungen  der Ahnen verloren. „Jedes Archiv“, so Menna Hensmann, „lebt in dem Bewusstsein, auch Teil der eigenen Geschichte zu sein.“

Eine Wertschätzung, die die Critzumerin ihren Töchtern weitergegeben hat. „Keine von ihnen trägt meinen Vornamen Menna weiter. Das habe ich für sie entschieden.“ Ihnen sei aber die Bedeutung von Geschichte bewusst, auch der eigenen. Sie ist sich sicher: „Fotos unserer Familie würden sie eher an ein Archiv geben als sie achtlos wegzuwerfen.“


Lebendige Geschichte

Die Familie, die Menna Hensmann aus den USA zu Gast hatte und die so erpicht darauf war, die eigene Vergangenheit zu erforschen, lebt ihr Andenken – ihr Erbe – auf besondere Art.

Menna Hensmann erinnert sich: „Als wir uns trafen und miteinander gesprochen haben, merkte ich: Sie sprechen noch das ostfriesische Plattdeutsch des 19. Jahrhunderts.“ Trotz der äußeren Einflüsse am neuen und fremden Lebensmittelpunkt hatten sich die Ostfriesen in Iowa von Generation zu Generation die Sprache aus ihrer Heimat bewahrt. Geschichte, nicht zum Anfassen, aber zum Anhören.

 


Recherche im Familienarchiv Stadtarchiv Leer

Recherche: Beginn jeder Familienarchivarbeit.

Meine Ahnen waren, wer also bin ich?

Die Geschichte der eigenen Familie dokumentieren – ein Leitfaden von Menna Hensmann, Stadtarchiv Leer

  1. Start: Stellen Sie alle vorhandenen Urkunden von Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zusammen.
  2. Zeitzeugen sind wertvoll: Befragen Sie ältere Familienmitglieder. Ihre Helfer: Notizblock und Aufnahmegerät
  3. Informieren Sie sich über den Begriff der sogenannten Kekule-Nummer, einer Form der Nummerierung, die Ihrer Ahnenliste Struktur gibt
  4. Suchen Sie Standesämter und Archive auf. Personenstandsdaten, das heißt Geburts-, Heirats- und Sterbebücher, vor 1874 stehen in den Kirchenbüchern. Vergessen Sie Ihren Ausweis nicht!
  5. Wo liegen Ihre Daten? Eheregister müssen im Standesamt 80 Jahre, Geburtsregister 110 Jahre, Sterberegister 30 Jahre geführt werden. Danach werden diese von den zuständigen Archiven übernommen.
  6. Daten von Eltern oder auch Großeltern sind nicht bekannt? Holen Sie in den Standesämtern des eigenen Geburtsortes Informationen ein. Bitte vergessen Sie auch hier Ihren Ausweis nicht! Sie wurden in Amerika geboren? Dann führt Ihr Weg dorthin.
  7. Ahnenforschung ist auch online möglich. Die Basis schaffen Sie aber in den Archiven vor Ort. Je mehr reale Daten Sie gesammelt haben, umso leichter fallen Detailsuchen.

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