Im Kleinen wie im Großen

Die Hummerbude 36 auf Helgoland gilt mit ihren knapp vierzehn Quadratmetern als die kleinste Fotogalerie Deutschlands. Zu sehen gibt es in dem in kräftigem Orangeton angestrichenen Holzhaus starke Bilder von Robben, Felsen und Nordseewellen ebenso wie Motive von Mensch und Natur aus der ganzen Welt. Es sind besondere Fotografien, emotionsgeladen und mit besonderem Blick fotografiert. Zum Leben erweckt werden Hummerbude und Bilder aber erst durch die Person Lilo Tadday, leidenschaftliche Galeristin und Fotografin. Wir sprachen mit ihr über Wahlheimat, Reisen, die Dinge des Lebens und natürlich über Fotografie.Während einer Wanderung mit Lilo Tadday über „ihre“ geliebte Insel zeigt sie außerdem einige ihrer Lieblingsmotive.

Ankunft auf Helgoland

Lilo Tadday Fotografin und Galerie Besitzerin aus Leidenschaft. Foto: Ulf Duda

Lilo Tadday Fotografin und Galerie Besitzerin aus Leidenschaft. Foto: Ulf Duda

Mit einem kleinen Hopser setzt das zehnsitzige Propellerflugzeug auf der kurzen Landebahn der Helgoländer Düne auf. Die kleine Insel mitten in der Nordsee, so könnte man meinen, macht es dem Besucher nicht ganz so leicht, ans Ziel zu kommen: Vom Flugfeld ist es noch ein kleiner Fußmarsch bis zum Fähranleger, dann schippert einen die Fähre im rauen Seegang zur eigentlichen Insel. Was neben roten Felsen, weißem Sand und grüner Wiese sofort ins Auge fällt, ist eine Reihe bunt angemalter Holzhäuser – die sogenannten Hummerbuden. Hier, in Nummer 36, soll das Treffen mit Lilo Tadday sein. Das klappt aber noch nicht beim ersten Versuch – sie ist nicht da, die Tür verschlossen. Zum Glück ist eine Mobilnummer angegeben, bei der sich Interessenten melden können. Und tatsächlich, Lilo Tadday ist nicht nur am anderen Ende der Leitung, sondern nach wenigen Minuten steht sie vor einem – zierlich, charmant und mit modischem Kurzhaarschnitt. Das Beeindruckendste aber sind ihre Augen, sie blitzen regelrecht vor Lebensfreude. Sie schließt die Hummerbude auf – Deutschlands kleinste Fotogalerie.

In der kleinsten Galerie Deutschlands

Zahlreiche Bilder hängen hier, einige stapeln sich oder stehen an die Wand gelehnt. Vierzehn Quadratmeter sind tatsächlich nicht viel an Fläche. Aber das macht auch den besonderen Charme der „Bude“ aus und ist das Pendant zum warmherzigen Charme der Galeristin. Der Blick schweift über Fotos von Felsen, Wellen und Robben, über Portraits sowie andere Motive, die offensichtlich nicht auf oder rund um Helgoland entstanden sind. So hat sie Expeditionen des Schiffs „Polarstern“ begleitet, Fischer auf Sri Lanka portraitiert und besuchte buddhistische Mönche in Ladakh. Zu jedem ihrer Bilder weiß Lilo Tadday eine kleine Geschichte zu erzählen. Und während man zuhört, verdichtete sich die Aussage des Bildes mit den Worten der Autorin zu etwas Ganzem, wenn man so will Multimedialem: Bild- und Wortsprache ergeben für den Betrachter und Zuhörer eine ganz neue Dimension der Wahrnehmung, die intensiver ist als es das ausschließliche Ansehen einer Fotografie je sein kann. Es stimmt schon: Große Fotografen sind in aller Regel auch große Persönlichkeiten, die eine gewisse Haltung haben und leben und diese Position in ihren Fotos visualisieren.

Zurück von der Gedankenreise aus der großen weiten Welt auf die kleine Insel und die noch viel kleinere Fotogalerie.

CEWE: Frau Tadday, wie kommt man eigentlich auf die Idee, in einer ehemaligen Hummerbude auf einer winzigen Insel in der Nordsee eine Fotogalerie zu betreiben?

Lilo Tadday in ihrer Hummerbude Foto: Ulf Duda

Lilo Tadday in ihrer Hummerbude. Foto: Ulf Duda

Lilo Tadday: Wie jede leidenschaftliche Fotografin will man seine Bilder zeigen, das ist bei mir nicht anders. Die Hummerbuden hier auf Helgoland sind Überbleibsel aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie dienten den Helgoländer Familien zunächst als Unterschlupf, solange die Insel von Bomben geräumt werden musste. Anschließend dienten die Buden der Gemeinde als Lagerschuppen, bis sie unter dem Slogan „Kunst – Knieper – Kultur“ reaktiviert wurden. Mein Konzept, aus einer dieser Hummerbuden eine Fotogalerie zu machen, hat die Verantwortlichen überzeugt und so betreibe ich seit Ostern 1998 dieses winzige Haus als Ausstellungsplattform für meine Bilder. Und ich bin selig damit und habe hier meine Lebensbestimmung gefunden.

Aber wie sind Sie überhaupt auf Helgoland gekommen und wie lange leben Sie schon hier?

Mein Vater hat die Insel sehr geliebt und ich war als Kind schon einige Male hier. Dann habe ich mal eine Saison bei der hiesigen Fotofirma gearbeitet, bin geblieben und habe mit einem Helgoländer eine Familie gegründet. Ich bin in Karlsruhe geboren, aber Helgoland ist meine Wahlheimat. Fotografie habe ich im Übrigen als Handwerk gelernt. Nach über 50 Jahren, in denen ich jetzt fotografiere und über 40 Jahren, die ich auf dieser wunderbaren Insel lebe, kann ich mich jeden Tag aufs Neue begeistern: Für die großartigen Motive, die mir hier geboten werden und die Möglichkeiten des Mediums Fotografie, die es mir ermöglichen, den ein oder anderen Moment im Bild festzuhalten.

Wer kommt denn in die Galerie und kauft Ihre Bilder?

In erster Linie gehören unsere Urlaubsgäste zu meinen Kunden, also diejenigen, die eine längere Zeit auf der Insel verweilen im Gegensatz zu den Tagesgästen, die mittags kommen und nachmittags wieder abfahren (müssen). Der eine oder andere Gast kommt auch mittlerweile extra auf die Insel, um mich in meiner Galerie zu besuchen. Es ist schön zu sehen, dass dieser Ort so etwas wie eine Begegnungsstätte geworden ist. Hier im Gespräch hat sich im Übrigen auch die eine oder andere meiner vielen Reisen entwickelt. Die Hummerbude 36 bereichert mein Leben sehr.

Kann man denn von den Bilderverkäufen leben?

Ganz ehrlich, nach diesen vielen Jahren könnte ich sparsam von den Einkünften aus der Galerie leben. Ein Foto im Format 50x70cm mit einbelichtetem Rand kostet beispielsweise 125 Euro. Am liebsten verkaufe ich an die Gäste, die mir sympathisch sind, bei denen ich spüre, dass sie meine Fotografien verstehen. Wenn ich merke, dass dem nicht so ist, dann male ich auch schon einmal eine 1 vor oder eine 0 hinter den Preis, dann ist es diesem Kunden zu teuer und ich darf mein Bild behalten… Neben dem Verkauf der Fotografien biete ich auch Hochzeitsfotografie für die angereisten Paare an, die sich auf Helgoland trauen lassen. Viele meiner Galerie-Kunden tragen sich in mein Gästebuch ein und bedanken sich für die Bilder wie für die Gespräche. Letztlich darf man jedoch diese Tätigkeit nicht in Stunden aufrechnen. Es bedeutet für mich vielmehr die Erfüllung als Frau im fortgeschrittenen Alter.

Welche sind denn Ihre erfolgreichsten Bilder? Was sind die Top-Motive auf Helgoland?

Da steht ganz oben auf der Liste die Schwarzweiß-Ansicht von Helgoland mit Mond, die sowohl vom Motiv wie auch vom Stil an den amerikanischen Landschaftsfotografen Ansel Adams erinnern soll. Sehr beliebt sind auch meine Fotos der historischen Hummerbuden und die eher abstrakten Aufnahmen von Meereswellen – die im Übrigen nicht hier in der Nordsee entstanden sind, sondern auf einer Expedition in die Antarktis. Ein Klassiker unter meinen Fotos sind auch die Bilder von Kegelrobben, die zurzeit in einer Ausstellung in Stralsund zu sehen sind, aber auch die Bilder von fliegenden Lummen oder Basstölpeln. Die Kunden kaufen die positiven Emotionen, die sie mit ihrem Besuch auf Helgoland verbinden und die sie in meinen Bildern zum Ausdruck gebracht sehen. Dieses Gefühl wollen sie mit nach Hause nehmen und für sich und andere konservieren, wie ich aus Gesprächen und den Einträgen in meinem Gästebuch weiß. Für mich ist das etwas sehr Schönes, denn letztlich erfüllt es eine Fotografin besonders stark, wenn ihre Bilder eine emotionale Wirkung erzeugen.

Was bedeutet denn Fotografie für Sie persönlich? Was fasziniert Sie auch nach fünf Jahrzehnten noch an diesem Medium?

Fotografie ist ein Medium, um sich mit sich selbst und der Natur auseinanderzusetzen. Deshalb fotografiere ich grundsätzlich alleine, um ganz bei mir und der Natur sein zu können. Das ist sozusagen die Grundvoraussetzung für gute Ergebnisse. Da ich nie von Auftragsfotografie leben musste, konnte ich mir meine Leidenschaft als Fotografin über viele Jahrzehnte erhalten und will dies auch gerne weiterhin tun. Ständig hier auf Helgoland fotografieren zu dürfen, ist ein echtes Privileg, hier liegt tatsächlich eines der letzten Paradiese. Ich bin mir mittlerweile auch bewusst, dass ich mit meinen Bildern so etwas wie eine Botschafterin für die Insel bin: Von hier aus gehen meine Fotografien in alle Welt und bilden über den ganzen Globus verstreut ein Netz an Helgoland-Bildern. Diese Vorstellung macht mich richtig glücklich – abgesehen davon, dass das Bild von einem „Netz“ perfekt zu der Insel Helgoland und ihren Fischern passt.

Lilo Tadday bei der Arbeit Foto: Ulf Duda

Lilo Tadday bei der Arbeit Foto: Ulf Duda

Auf Exkursion mit dem Profi

Fotografien von Helgoland – welche Motive kann die Insel-Fotografin empfehlen?

Motivpunkt 1: die Basstölpel-Kolonie auf der Westseite der Insel
Tausende Vögel machen einen Heidenlärm – und bieten großartige Motive. Aus dem Nichts schießen sie von unten über den Klippenrand hervor, lassen sich von den Aufwinden treiben und stoßen mit unglaublicher Geschwindigkeit ins Meer ein auf der Jagd nach Fischen. Wer hier gute Bilder mit nach Hause nehmen will, braucht ein Teleobjektiv von mindestens 200mm, besser 300mm Brennweite und eine Kamera, die über einen sehr schnellen Autofokus verfügt, um die rasenden Vögel scharf abbilden zu können.

Motivpunkt 2: die Lange Anna
Der schmale, hohe Felszacken, der sich wie ein großer Finger vor der Steilküste aus dem Meer streckt, gehört wohl zu den meistfotografierten Motiven der Insel. Lilo Tadday weiß, wie und wo man dieses beliebte Touristen-Motiv besonders gut und „anders“ fotografieren kann: Unten vom Ufer, dort wo die tonnenschweren Wellenbrecher aus Beton zum Schutz der Küste liegen – und die als Gestaltungselement im „Lange-Anna-Bild“ eine richtig gute Figur machen können.

Motivpunkt 3: die Kegelrobben auf der Düne
Dutzende Tiere räkeln sich müde am Strand und genießen die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne. Man darf sich den Tieren nicht näher als 30 Meter nähern, mahnen zahlreiche Schilder rund um die Kolonie. Das heißt für Fotografen: Ohne starkes Teleobjektiv sind Portraits dieser Tiere nicht möglich. „Mindestens so wichtig“, so Lilo Tadday, „ist aber Geduld und die richtige ‚Haltung‘“. Sagt es und „robbt“ im Liegen über den Strand, um die Tiere nicht unnötig zu verschrecken. Langes Warten, gutes Beobachten, schnelles Reagieren – das ist die Erfolgsformel für erstklassige Robbenbilder wie diejenigen, mit denen Lilo Tadday als Ausstellung derzeit durch Deutschland tourt.

Zeit, Abschied zu nehmen von der Insel Helgoland, von der kleinsten Fotogalerie. Abschied von einer Fotografin in ihrem Paradies, die mit und für ihre Leidenschaft lebt. Lilo Tadday zeigt, dass Fotografie viel mehr ist als das Betätigen einer Kamera. Die kleine zierliche Frau, ihre Bilder und Geschichten, ihre Reisen in die Welt und ihre Liebe zu ihrer Wahlheimat Helgoland – das alles zusammen bildet ein großes Ganzes. Lilo Tadday „lebt“ die Fotografie und die Fotografie „belebt“ ihr Dasein – mit der Hummerbude 36 als Zentrum.