Ehe wir uns kurz den Vorteilen einiger Brennweiten zuwenden, schauen wir erst einmal auf etwas anderes. Der Unterschied zwischen Standard-, Weitwinkel- und Teleobjektiven liegt nicht nur darin, dass sie aus gleichem Abstand mehr oder weniger Umwelt ins Bild bringen, sondern dass die Weitwinkelbilder „tiefer“ und die Telebilder „gedrängter“ wirken. Diese Effekte werden mit immer kürzeren bzw. immer längeren Brennweiten immer stärker und sie werden oft als „Weitwinkelperspektive“ bzw. „Teleperspektive“ bezeichnet. Die gibt es zwar einerseits definitiv nicht, andererseits aber irgendwie doch. Wie das?
Dass wir räumlich sehen können, liegt daran, dass wir mit zwei Augen ausgestattet sind, von denen das eine die Umwelt ein wenig mehr von links und das andere ein wenig mehr von rechts sieht. Im Gehirn wird aus diesen zwei Teilbildern ein räumliches Bild.
Aber auch wenn wir ein Auge schließen, sind nicht alle Objekte plötzlich auf einer Ebene zusammengefasst. Wir erkennen trotzdem, dass manche Dinge näher als andere liegen und wie sie zueinander angeordnet sind - manche überschneiden sich, zwischen anderen ist ein Abstand. Von zwei Gegenständen sehen wir den näher liegenden größer, als den weiter weg liegenden. Bei gleich großen Gegenständen halbiert sich die Größe, wenn sich der Abstand verdoppelt. Parallele Linien, die sich von uns weg erstrecken, laufen in der Ferne aufeinander zu (und auch Linien, die nicht wirklich parallel sind, scheinen sich in der Ferne näher zu kommen). Diese „Zentralperspektive“ nutzen Maler seit der Renaissance aus, um Räumlichkeit auf der planen Leinwand darzustellen. Auch in der Fotografie ist sie der Schlüssel zur räumlichen Wirkung räumlicher Motive auf dem planen Fotopapier oder Bildschirm.
Fotografiert man ein Motiv von zwei (leicht) unterschiedlichen Standorten aus, ändert sich die Perspektive. Motivteile, die sich im einen Bild überschneiden, sind im anderen getrennt (1 und 3 / 2 und 4). Nutzt man vom selben Standort eine andere Brennweite, ändert sich die Perspektive nicht (1 und 2 / 3 und 4).
Die Perspektive hängt nicht von der Brennweite ab, sondern nur vom Standort des Fotografen, besser gesagt: von der Lage der Bildebene. Als einfaches Beispiel sollen eine Laterne und ein Kamin mit einer Leiter dienen.
Wenn man einen Standort sucht, von dem aus die Laterne einen Holm der Leiter verdeckt und dann Bilder mit verschiedenen Brennweiten macht, wird die Laterne den Holm auf allen Bildern verdecken, und andere Bildteile werden immer in der gleichen Konstellation zueinander stehen. Vergrößert man aus einem Weitwinkelbild den passenden Ausschnitt auf die Größe einer der Teleaufnahmen, ist die Anordnung der Motivteile zueinander in beiden Bildern gleich. Tritt man einen oder zwei Schritte zur Seite, sind nun Laterne und Leiter getrennt und man kann zwischen beiden durch sehen, im Weitwinkel- und im Telebild!
Kurze Brennweiten geben nahe Motivteile sehr groß wieder 5, während lange Brennweiten aus größerer Entfernung weit auseinander liegende Motivteile zusammenziehen 6.
Die Verlagerung der Bildebene, die Änderung des Standortes hat eine andere Perspektive eröffnet.
Wussten Sie ...
... dass Albrecht Dürer (1471- 1528) nicht nur an der Verbreitung der perspektivisch richtigen Darstellung in der Malerei maßgeblich beteiligt war, sondern sich auch darüber hinaus mit Problemen der Mathematik und Geometrie befasste? So erkannte er z. B., dass Ellipse, Parabel und Hyperbel Kegelschnitte sind. Außerdem befasste er sich mit Stadtbefestigungen.
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